„Ich bin sowohl vor als auch nach dem Brexit auf die Strasse gegangen.“

„Ich bin 23 Jahre alt und komme aus England. Seit September 2015 wohne ich in Berlin und, obwohl ich natürlich nie Berlinerin sein werde, bin ich stolz darauf, Europäerin zu sein. In vier Tagen wird Premierministerin Theresa May die Scheidung Groβbritanniens vom Rest der Europäischen Union offiziell ankündigen. Ich bin sowohl vor als auch nach dem Brexit auf die Strasse gegangen. Es gab nur einen Unterschied: Jetzt war ich wütend. Ich habe mein eigenes Land gehasst. Ich habe die Politiker gehasst, denn sie hatten verzweifelte Menschen beschwindelt und denen versprochen, der Austritt aus der EU sei ein Weg aus der grausamen Krise, in der sich viele in meinem Land befinden. Ich habe diejenigen gehasst, die nur „aus Protest” oder „als Scherz” für den Brexit gestimmt hatten. Ich habe mich selber gehasst, und meine Freunde auch, denn wir waren blind in unserer gemütlichen, eingebildeten Seifenblase geblieben und hatten nicht rechtzeitig erkannt, welche Privilegien wir als Selbstverständlichkeiten betrachtet haben.
Aber eine Sache ist mir wichtig: Dieser Hass ist nicht europäisch. Europa vereint. Der Hass reiβt auseinander. Europa belebt und verstärkt. Der Hass will uns zu einer dunklen Vergangenheit zurückführen. Europa ist offen und vielfältig und tolerant und nachhaltig. Der Hass sieht aus wie Nigel Farage. Und ja, wir dürfen die Probleme Europas nicht ausblenden. Aber lasst uns offen und friedlich über diese Herausforderungen reden. Lasst uns sie nicht von irgendeinem rassistischen, populistischen Idiot mit einer Donald-Trump-Frisur kapern lasse. Lasst uns miteinander reden und unsere verschiedenen Perspektiven feiern. Anstatt zu behaupten, nur eine Stimme würde für alle sprechen, lasst uns das Mikro weitergeben und so viele verschiedene Stimmen wie möglich in den Diskurs miteinbeziehen. Also danke schön, meine lieben Miteuropäerinnen und Miteuropäer, dass ihr euch um mich gekümmert habt. Dankeschön, dass ihr mir eure Herzen und euer Zuhause geöffnet habt, als mein eigenes Land eine verbitterte Abschottungspolitik der Angst gepredigt hat. Dankeschön, dass ihr mich jeden Tag unglaublich stark beeindruckt mit eurer Vielfalt, eurer Freundschaft und eurer Kraft.“

Jenny Hayhurst​ 23, aus Gloucestershire, England

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